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Ein etwas „ver-rückter“ Blick auf unsere Pflanzenwelt

  • Autorenbild: Maria Ponhold
    Maria Ponhold
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Obwohl die moderne Naturwissenschaft die Inhaltsstoffe von Heilpflanzen detailliert erfassen kann, bleiben viele ihrer Heilerfolge unerklärt und verweisen auf ein erweitertes Verständnis von Heilung, das über rein materielle Wirkmechanismen hinausgeht.

So zeigt uns etwa die Ethnobotanik, dass Pflanzen noch andere Kräfte in sich haben müssen, die dem rein naturwissenschaftlichen Blick verborgen bleiben. Der Ethnobotaniker Richard Evans Schultes untersuchte über Jahrzehnte hinweg mehr als    25 000 Pflanzenarten, die von der indigenen Bevölkerung Mittel- und Südamerikas erfolgreich heilkundlich eingesetzt werden. Im Labor stellte sich heraus, dass lediglich drei Prozent nachweisbare Wirkstoffe besitzen (vgl. Storl 2020, S. 17). Warum stellen sich trotzdem Heilerfolge ein? Oder wie kann man sich die Wirkung der berühmten Bachblüten erklären, wenn man bedenkt, dass in den Essenzen nur minimale Mengen der Heilpflanze enthalten sind? Ebenso lässt die Anwendung von sogenannten „Gichterkränzchen“ in früheren Zeiten viele Fragezeichen aufkommen. Dabei wurde Kindern, die von Anfallsleiden geplagt waren, ein aus Gänseblümchen geflochtenes Kränzchen unter den Kopfpolster gelegt, um die Anfälle zu reduzieren.

Der Medizinmann der Cheyenne lässt den Ethnobotaniker Storl nach dessen Ausführungen zu den sekundären Inhaltsstoffen der Heilpflanzen wissen, dass diese für sein Volk irrelevant wären, indem er betont „Was uns heilt, ist der Geist der Pflanze, nicht irgendwelche chemischen Bestandteile!“ (Storl 2014, S. 168).

 

Der Geist der Pflanze 

Pflanzen sind viel mehr als primitive, intelligenzlose Gebilde mit messbar gemachten Inhaltsstoffen, als die sie oft nüchtern in Fachbüchern dargestellt werden. Allein schon die Tatsache, wie sie miteinander verbunden sind und mit ihrer Umwelt interagieren, zeugt von einem intelligenten Verhalten der Vegetation. Pflanzen können die Welt um sich herum sehr intensiv wahrnehmen. Sie unterscheiden unterschiedliche Farben von Licht und reagieren entsprechend darauf. Sie nehmen Gerüche in ihrer Nähe wahr. Sie wissen, wann sie berührt werden und können sogar unterschiedliche Arten von Berührungen unterscheiden. Pflanzen können ihre äußere Gestalt ändern, damit ihre Triebe nach oben und ihre Wurzeln nach unten wachsen und auch auf Erinnerungen können sie zurückgreifen, indem sie sich an zurückliegende Infektionen und schwierige Lebensbedingungen erinnern und ihre aktuelle Physiologie aufgrund dieser Erinnerungen entsprechend anpassen (vgl. Chamovitz 2019, S. 241).

Besonders beeindruckend in Zusammenhang mit der Intelligenz von Pflanzen sind die Forschungsarbeiten von Cleve Backsters. Backsters forschte in den 1950er Jahren in Amerika intensiv an Lügendetektoren. So schloss er eines Tages seine Zimmerpflanze an die Elektroden des Detektors an, um eine Veränderung des Widerstands zu messen, wenn er die Pflanze gießt. Erstaunlicherweise zeigte sich bei der Pflanze eine messbare Reaktion von positiver Erregung. Als er sich nun vornahm, die Pflanze mit einem Feuerzeug anzubrennen, zeigte sich bereits beim Gedanken daran eine starke Reaktion der Pflanze (bevor noch eine Handlung ausgeführt wurde) (vgl. Brunner 2018, S. 49f.). Dies wirft eine völlig neue Perspektive auf unsere Pflanzenwelt und lässt den Gedanken an einen Geist oder eine Seele in der Pflanze aufkeimen.

Alle Kulturen, mit Ausnahme der gegenwärtigen, berichten in ihren Überlieferungen „von fühlenden Seelen und einem erkennenden Geist, der sich ‚hinter‘ oder ‚in‘ der Pflanzenerscheinung offenbart“ (vgl. Storl 2014, S. 39). Diese Pflanzengeister wurden von den Heilerinnen und Heilern angerufen bzw. wurde mit ihnen in Kontakt getreten, wenn sie Kräuter und Wurzeln für Heilzwecke einsetzen wollten. Davon zeugen eine Vielzahl an feierlichen Sprüchen und Liedern, die beim Sammeln gesprochen oder gesungen wurden – solche „Gebete“ sind aus allen Kulturkreisen überliefert (vgl. Storl 2020, S. 51). Und auch unseren Ahnen in unseren Breiten waren diese feierlichen Sprüche nicht unbekannt.

In diesem Zusammenhang drängt sich die Frage auf, ob unsere Vorfahren und auch heute noch sämtliche Naturvölker, alle nur abergläubisch oder gar primitiv waren bzw. sind oder ob sie möglicherweise (noch) Hüter und Hüterinnen eines tiefen Wissens waren und sind.

 

Pflanzen sind im Gegensatz zum Menschen, der für sich einen abgeschlossenen Mikrokosmos darstellt, makroskopisch offen. Das bedeutet, sie sind unmittelbar mit dem äußeren Makrokosmos, mit der umgebenden Natur, mit dem Sternenhimmel und dem Erdboden verbunden. Sie führen kein individualisiertes Innenleben. Ihr Archetypus strahlt ihnen von den fernen Sternen zu. Pflanzen reagieren auf jede extraterrestrische Lichtquelle. Der Sonnen- und Mondschein, das Funkeln der Planeten und Sterne, die wir Menschen als gewöhnliche Lichtstrahlen sehen, sind in Wirklichkeit Energieströme, die ordnend und energetisierend auf die Erde einwirken. Das grüne Blatt empfängt diese Kräfte (vgl. Storl 2020, S. 50). Die Pflanzen übersetzen das von ihnen aus dem Kosmos „Gesehene“ in geometrische Blüten- und Blattmuster, in herrliche Düfte, Farben und Wachstumsbewegungen (vgl. ebd.).

 

So erhalten die Pflanzen ihren Pulsschlag und Lebensrhythmus von der Sonne, dem Mond und den wechselnden Tageszeiten. Die Sonne ist dabei das gemeinsame Herz der Vegetation. Die immer wachsenden Wurzeln und mit Pilzflächen vernetzten Wurzelhärchen tasten sich wie Sinnesorgane durch den Boden, nehmen so ständig Botschaften von anderen Lebewesen auf und agieren als steuerndes Hirn der Pflanzen. Die Blätter fungieren als Auge und Lunge zugleich (vgl. Storl 2018, S. 15). Die Seele der Pflanze findet sich dabei außerhalb ihres stofflichen Leibes. Der Philosoph Max Scheler spricht hier von der „ekstatischen“ Natur der Pflanze, von der „herausgetretenen“ Seele (vgl. ebd.). „Ihre Seelen umweben ihre Leiber und wohnen extern, in der sie umgebenden Natur, im Wind, im Wetter, in den Wolken, im Tanz der Wandelsterne“ (Storl 2018, S. 15). Ihr Geist, ihr „Ich“ wird laut alten Überlieferungen noch weiter im Außen gesehen, im Weltall, von wo er nach unten strahlt und seine schönen Gestalten auf die Erde projiziert (vgl. ebd.).

 

Die Inder zählen die Pflanzenwesen zu den „Devas“, den lichthaften, strahlenden und freundlichen Göttern, die von den Sternen und Planeten auf die Erde herab wirken (vgl. Storl 2018, S. 17). Pflanzenwesen teilen ihre Seele mit allen anderen Pflanzen ihrer Art, ihr Selbst leuchtet ihnen vom Sternenhimmel herab (vgl. Storl 2014, S. 109). Jeder Deva, der eine botanische Art „überstrahlt“, hat sein eigenes „Schwingungsspektrum“. Die einzelnen Pflanzen, die in Erscheinung treten, kann man mit dem plötzlichen Erscheinen von Eisblumen am Fenster vergleichen oder sich mit dem Bild visualisieren, wie feiner Sand auf einer Resonanzplatte wunderschöne Klangfiguren hervorbringt durch die von Musik erzeugte Schwingung. Der Deva setzt ätherische Schwingungen in Bewegungen, welche in vielen einzelnen Pflänzchen ihre materielle Form annehmen. Die Einzelpflanze ist somit nicht gleichzusetzen mit dem Deva, dem schöpferischen Urbild (vgl. Storl 2014. S. 42). Das heißt, mit Geist- oder Seelenwesen einer Pflanze ist immer eine Gattungsseele gemeint und ist nicht, wie beim Menschen, individuell zu sehen. Das Gänseblümchen in meiner Wiese hat somit dieselbe Seele und denselben Geist wie das Gänseblümchen in Nachbars Garten. Dieser Pflanzengeist überstrahlt zwar alle Gänseblümchen dieser Welt, aber er ist auch als Holon in der einzelnen Pflanze enthalten, so wie beim Menschen jede einzelne Zelle die gesamte genetische Vielfalt des Menschen enthält (vgl. Storl 2020, S. 77).

 

Es sind diese Pflanzengeister, an die sich Heilerinnen und Heiler, Schamaninnen und Schamanen wenden, wenn sie Kräuter zum Heilen einsetzen wollen. Diese Kommunikation zwischen Menschen und Pflanzengeistern sind aus allen Kulturkreisen dieser Erde bekannt und liefern auch eine Erklärung dafür, dass Völker in verschiedenen Erdteilen, die nie miteinander Kontakt hatten, dieselben Heilpflanzen sehr ähnlich anwandten (vgl. Storl 2020, S. 51). Das Erkennen ihres Potentials und ihrer Heilkräfte einer Pflanze geschah nicht (nur) durch äußerliches Experimentieren, sondern vielmehr durch die Kommunikation und das In-Kontakttreten mit dem Pflanzengeist. Dabei ist zu erwähnen, dass die Erscheinung dieses Pflanzengeists stark von den inneren Bildern des Kräutersammlers oder der Kräutersammlerin abhängig ist. Er hat an sich keine eigene Gestalt, sondern „borgt sich seine Erscheinung aus den kulturell vorgegebenen Vorstellungen und persönlichen Erinnerungen des Kräutersammlers“ (vgl. Storl 2014, S. 40f.).

 

Die Annahme, dass die Natur und Pflanzen beseelt sind, fällt in die schamanische Weltanschauung. Dieses schamanische, uralte Glaubensmodell gibt es, genau genommen, überall auf der Welt. Und auch bei uns in Europa hat es einst den Schamanismus gegeben. Bis in die Altsteinzeit zurück gibt es Hinweise auf schamanisches Gedankengut. Es prägte jahrtausendelang die Kultur der Menschen. Erst die römische Christianisierung und später die Aufklärung, welche zu einer großen Umwälzung im Glaubenssystem führten, verdrängten die schamanische Weltanschauung. Die Verehrung von Mutter Natur ging vollständig verloren, die alten Götter wurden durch Heilige ersetzt. Über die uralten Feste wurden die kirchlichen Feste drübergelegt und der Glaube an eine ursprüngliche Muttergottheit sowie sämtliche Druiden und viele der wissenden und heilenden Frauen und Männer wurden eliminiert (vgl. Brunner 2018, S. 27).

Trotzdem haben sich gewisse Glaubenssätze und Praktiken bis heute gehalten. Viele Sagen und Volksmythen sind nach wie vor lebendig und werden noch immer weitererzählt, deren Ursprung wohl in der mystischen Zeit der Kelten und Germanen oder auch noch in weit früheren Kulturen liegt.

Manche Praktiken werden nach wie vor angewandt, bei denen es (noch) keine wissenschaftliche Erklärung für ihre Wirksamkeit gibt bzw. die von der Wissenschaft als nicht belegbar abgestempelt werden, wie beispielsweise das Baden in Kräuterwasser, das Anbringen von Kräuterbuschen auf Ställen und in Behausungen zum Schutz, das Tragen von Kräuteramuletten oder auch das heute wieder moderne Räuchern.

 

Auch in unserer modernen, aufgeklärten Welt greifen wir immer wieder auf das alte Wissen und die Rituale unserer Ahnen zurück – ein leiser Hinweis darauf, dass der Glaube an eine beseelte Natur und den Geist der Pflanzen noch immer tief in uns verwurzelt ist.

 

 

Quellenverzeichnis

Brunner, Adelheid (2018): Pflanzen-Schamanismus. Sich mit der Natur verbinden. Stuttgart: Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG.

 

Chamovitz, Daniel (2019): Was Pflanzen wissen. Wie sie hören, schmecken und sich erinnern. München: Wilhelm Goldmann Verlag.

 

Storl, Wolf-Dieter (2014): Pflandendevas. Die geistig-seelischen Dimensionen der Pflanzen. Aarau: AT Verlag.

 

Storl, Wolf-Dieter (2018): Die Seele der Pflanzen. Botschaft und Heilkraft aus dem Reich der Kräuter. Stuttgart: Nymphenburger.

 

Storl, Wolf-Dieter (2020): Kräuterkunde. Das Standardwerk. Bielefeld: Aurum in Kamphausen Media GmbH.

 

 
 
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